MediSee: maritime Notfallmedizin an Bord neu denken

Koordinierte medizinische Expertise für die maritime Grauzone

In Deutschland sind medizinische Behandlungen streng reguliert. Staatliche Zulassungen legitimieren approbiertes Fachpersonal zur Festlegung und Durchführung von Medikationen, Therapien und invasiven Maßnahmen auf Grundlage ihrer Diagnostik. Kapitäne und Schiffsoffiziere sind medizinische Laien und tragen an Bord gleichzeitig die volle Verantwortung. Das Seearbeitsgesetz und die Maritime-Medizin-Verordnung schreiben ihnen diese Aufgabe zu. Die Notwendigkeit ist Alltag: Verletzungen und Erkrankungen allen Personals an Bord eines Schiffes. Das ist die Grauzone, in der maritime Notfallmedizin stattfindet. Seit kurzem gibt es eine Mobile App, die hilft, diese Zone sicherer zu navigieren: MediSee. 

Am 3. Juni wurde MediSee an der Jade Hochschule in Elsfleth erstmals öffentlich vorgestellt. Der Verband Deutscher Kapitäne und Schiffsoffiziere (VDKS) und die Dienststelle Schiffssicherheit der BG Verkehr hatten dazu eingeladen. Kapitän Sebastian Dießner, Präsident des VDKS, begrüßte alle Gäste zur Premiere am Fachbereich Seefahrt und Logistik in Elsfleth.

mobile Anwendung "MediSee" jetzt verfügbar
Mobile medizinische Hilfe für Schiffsführung

Koordinationsleistung

Annelie Ewen, Dr. med. Philipp Langenbuch und Dr. med. Jens Tülsner haben mit dem Medizinischen Handbuch See den schmalen Grat von Verantwortung und Verpflichtung systematisch erarbeitet. Mit dem Handbuch wird die Handlungssicherheit dieser Laien praktisch erhöht. Angelehnt daran wurde eine Anwendung für Mobilgeräte entwickelt: MediSee. Die eigentliche Leistung liegt weniger in der App selbst, sondern in dem, was sie ermöglicht und wie sie redundant als Sicherheitsebene agiert.

Dahinter steht enorme Koordination: Notärzte und Fachärzte validierten die medizinischen Maßnahmen, Juristen sicherten die rechtliche Grauzone ab, Lehrgangsanbieter und Schiffsführungspersonal bewerteten die praktische Anwendbarkeit. Die adaptive Weiterentwicklung bleibt auf das Feedback aus Notfallsituationen angewiesen, in denen die App wirklich zum Einsatz kommt. Das Projekt wurde fachlich durch die Autoren begleitet und technisch in enger Zusammenarbeit mit ANOVA in Rostock umgesetzt. Das Bundesministerium für Verkehr stellte nicht nur die finanziellen Mittel bereit, sondern begleitete auch die Übersetzung dieser Komplexität fachlich.

Realität an Bord

Die Grauzone wird durch Herausforderungen wie Seegang, Schiffsvibrationen und Wetterextreme verschärft.“

Dr. med. Philipp Langenbuch,
ehemaliger Leiter des Seeärztlichen Dienstes der BG Verkehr

Behandlungen finden unter erschwerten Bedingungen statt, betont Dr. Langenbuch. Die Grauzone wird durch Herausforderungen wie Seegang, Schiffsvibrationen und Wetterextreme verschärft. Dadurch werden selbst grundlegende Maßnahmen, wie Infusionen legen, Wunden versorgen, Patienten ruhigstellen, deutlich erschwert. Eine App, die offline funktioniert und in Sekunden zur richtigen Information führt, ist hier kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Die anschließende offene Diskussion zeigte, wie die Neuerung ankommt: nicht als theoretisches Werkzeug, sondern als praktische Unterstützung. Schiffsführungspersonal, Ausbildende und Studierende diskutierten nicht, ob MediSee sinnvoll ist, sondern wie sie konkret in ihre Arbeit fließen kann: in Ausbildung und Sicherheitsübungen an Bord.

Handbuch und App: zwei Systeme, eine Sicherheit

MediSee ist das digitale Pendant zum Medizinischen Handbuch See: dem Standardwerk, das unter deutscher Flagge Pflicht an Bord ist. Die App funktioniert offline, kostenlos und bietet für Notfallsituationen das Entscheidende: Audios und Videos, die Schritt für Schritt durch lebensrettende Sofortmaßnahmen führen. Wer unter Stress und Zeitdruck handelt, braucht klare Ansagen und keine Texte zum Lesen. Zusätzlich ist die Anwendung zweisprachig auf Deutsch und Englisch, verlinkt direkt auf Formulare und nutzt eine intelligente Suchfunktion. 

Das physische Handbuch wird ergänzt, anstatt es zu ersetzen. Das Buch bleibt als Basis robust, ausfallsicher und bewährt. Die App liefert das, was ein Buch nicht kann: schnelle Navigation, Anleitung im Notfall, aktuelle Verlinkungen. An Bord hat der Schiffsoffizier beide zur Hand und so eine doppelte Absicherung.  Kapitäne hatten die digitale Ergänzung längst gefordert. Das Handbuch war zu groß, zu schwer und manchmal zu langsam in der Praxis. MediSee löst das präzise: klein, handlich, funktioniert auch ohne Internet.

BG Verkehr und VDKS führten neue medizinische App in Elsfleth zum ersten Mal öffentlich vor
Vorstellung von MediSee in Elsfleth (v.l.n.r.): Kapitän Sebastian Dießner, Dr. med. Philipp Langenbuch und Annelie Ewen

Über den VDKS

Der Verband Deutscher Kapitäne und Schiffsoffiziere e.V. (VDKS) vertritt seit 1894 die berufspolitischen Interessen deutscher Nautiker gegenüber Politik, Wirtschaft und maritimen Institutionen. Der Verband bringt die Perspektiven aus der Praxis von Kapitänen und Schiffsoffizieren gezielt in die maritime Branche ein – für einen souveränen Berufsstand an einem führenden Schifffahrtsstandort mit Zukunft. | www.vdks.org

Pressekontakt

Geschäftsführer Kapitän Wilhelm Mertens

office@vdks.org